Disruptive Innovation - hinterfragt

Der Harvard-Professor Clayton Christensen hat mit seinem Buch "The Innovator's Dilemma" über die wissenschaftlichen Kreise hinaus Aufsehen und Bekanntheit in Managementkreisen erlangt. Das darin vorgestellte Konzept der disruptiven Innovation - als krasses Gegenstück zu inkrementaler Innovation - wurde seit dem ersten Erscheinen des Buches im Jahr 1997 in die Sprache und Gedankenwelt des Managements übernommen.

 

Seit einigen Monaten gibt es um das Konzept der disruptiven Innovation eine andere Art der Diskussion. Jill Lepore, eine anerkannte Geisteswissenschafterin und Publizistin in den USA, hat in einem Artikel im "The New Yorker" Konzept und  wissenschaftliche Recherche auf einen harten und sehr kritischen Prüfstand gestellt. Lepore zeigt mit der Genauigkeit der Recherche einer Historikerin, dass manche Fallstudie Christensens auch anders gesehen und interpretiert werden kann.Besonders anschaulich beschreibt sie die Fallen der extremen Anwendung dieses Konzepts im Denken und Handeln, dem Christensen auch eine Vorhersagequalität zuschreibt.

 

Christensen geht von der einfachen Annahme aus, dass Unternehmen an dem scheitern, worin man in der Vergangenheit besonders erfolgreich war, da man dazu tendiert am einmal Erfolgreichen festzuhalten. Kleine Innovationen werden langfristig nicht den Erfolg bringen. Nur wer disruptiv innoviert hat eine Chance zu überleben. Damit sind erfolgreiche Unternehmen immer unterwegs in Richtung Scheitern, insoweit sie nicht disruptiv innovieren. Darin liegt eine Zirkularität der Argumentation. So generiert die disruptive Innovation eine ständige Angst, zu deren Heilmittel sie sich gemacht hat. Dass disruptive Innovationen oft genug nicht den wirtschaftlichen Erfolg erbringen, den man sich damit erwartet hat, oder man damit auch fundamental scheitern kann, wird nicht wirklich thematisiert.

 

Jill Lepores Artikel, der für weitreichendes Aufsehen gesorgt hat, lohnt sich zu lesen.Dass ein weithin geläufiges Konzept eines Harvard-Professors auf eine solche Weise neu überlegt wird, ist schon etwas Besonderes. Dennoch sehe ich die Bedeutung des Artikels viel mehr darin, dass er zum Nachdenken bringt und noch einen viel grösseren Kontext anspricht:

 

1. Was erwarten wir von Konzepten aus den Wirtschaftswissenschaften? Was versprechen diese? Die Ableitung von naturgesetzmässigen Regeln und Voraussagen?
2. Wie geht man mit der Komplexität der Faktoren bei Fallstudien um? Was kann man daraus "wissenschaftlich einwandfrei" eigentlich ableiten?
3. Wie gehen wir mit Studien und den darauf basierenden Konzepten um, deren "Gewinner-Unternehmen" sich im Laufe der Zeit als "Loser" erwiesen haben?
4. Wie werden Managementkonzepte im Alltag aufgenommen? Sind das die typischen Management-Moden, die dann irgendwann wieder "out-of-fashion" sind?
5. Wie logisch stringent ist unser Denken in Managementfragen - konzeptionell und im Alltag? Unterliegen wir nicht selbst manchmal einem Zirkularschluss oder sehen wir Dinge
in einem Licht, welches wir als Licht der Erkenntnis finden wollen?

 

http://www.newyorker.com/magazine/2014/06/23/the-disruption-machine

 

Dieser Artikel wurde in den Wissenschaftskreisen und Medien mehrfach besprochen, u.a.


http://www.wiwo.de/erfolg/management/innovationen-vergesst-das-naechste-grosse-management-ding/10109510.html

 

http://www.imd.org/news/In-search-of-the-next-big-thing-again.cfm

 

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